Schalke des Südwestens
Das Schalke des Südwestens
Borussia Neunkirchen stieg einst vor Bayern München in die Bundesliga auf – Verwurzelt bei Bergleuten und Stahlkochern
Von Winfried Weber
Peter Czernotzky, in den 60er Jahren Bundesliga-Spieler bei Borussia Neunkirchen, gewährte kürzlich in einem Interview Einblicke, was Gastmannschaften im Neunkircher Ellenfeld zu erwarten hatten. Das kann nicht wirklich viel gewesen sein, denn laut Czernotzky fing der Psycho-Krieg schon lange vor dem Einlaufen an. Heißblütige Fans säumten die Straßen zum Stadion. Klar, dass da manch sensiblem Zeitgenossen schon im Mannschaftsbus mulmig wurde.
Auch wenn sich in Neunkirchen, einst Stadt des Bergbaus und der Stahlindustrie, inzwischen vieles verändert hat, die Borussia, in den frühen Zeiten der Bundesliga liebevoll das Schalke des Südwestens genannt, ist geblieben.
Auch wenn sich in Neunkirchen, einst Stadt des Bergbaus und der Stahlindustrie, inzwischen vieles verändert hat, die Borussia, in den frühen Zeiten der Bundesliga liebevoll das Schalke des Südwestens genannt, ist geblieben.
Auf einer schönen Waldwiese
Am 24. Juli 1905 trafen sich Fußballbegeisterte im Wirtshaus „Zu den drei Kaisern“, um den FC Borussia Neunkirchen aus der Taufe zu heben. Obwohl die Fußballer angefeindet wurden, stieg die Zahl der Mitglieder rapide an. Ein Zeitzeuge berichtet: „Die Wettspiele erregten mächtiges Gelächter und viel Spott.“ Doch auch das konnte den Siegeszug des Fußballs nicht aufhalten. 1907 schlossen sich die Fußballer der diversen Gruppierungen und Vereine zusammen. Dass dies unter dem Dach der Borussia geschah, hatte zwei banale Gründe. Ein geeignetes Terrain, auf dem man der Leidenschaft nachgehen konnte, gab es so gut wie gar nicht. Die Borussia, bei der die Dinge etwas ins Stocken gekommen waren, verfügte dagegen über eine schöne Waldwiese, die man vom Vater dreier Spieler günstig gepachtet hatte. Darüber hinaus war der Verein Mitglied im süddeutschen Fußball- und Leichtathletikverband. Ab sofort hieß der Verein VfB Borussia Neunkirchen.
Netzers Bundesliga-Premiere
Am Ostersonntag 1912 fand das erste, inoffizielle Spiel auf dem neuen Sportgelände im Ellenfeld statt. Gegner der Borussen war eine Soldaten-Mannschaft aus Straßburg. Offiziell wurde das Stadion erst am 14. Juli 1912 anlässlich der ersten Nationalen Olympischen Wettkämpfe eingeweiht. Doch ehe es so weit war, galt es einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Das Gelände war Sumpfgebiet, das in mühevoller Arbeit trocken gelegt werden musste. Dies kostete eine Menge Geld (25.000 Mark) und viele Arbeitsstunden. Die Mühe sollte sich allerdings auszahlen.
Das Ellenfeld ist ein sehr enges und atmosphärisches Stadion. Gut besucht, verwandelt es sich in einen Hexenkessel, der so mancher Gäste-Elf schwer zu schaffen machte.
Den Zuschauerrekord gab es während der Aufstiegsrunde 1967. 35.000 Zuschauer drängten sich, um den 4:0-Sieg der Borussia gegen den FC Bayern Hof zu verfolgen. Im Ellenfeld absolvierten Günter Netzer, Jupp Heynckes und Berti Vogts ihr erstes Bundesliga-Spiel. Das Duell der Namensvetter aus Neunkirchen und Mönchengladbach endete am 14. August 1965 im Ellenfeld 1:1.
Top-Team im Saar-Gebiet
Erste bemerkenswerte Erfolge hatten die Borussen schon nach dem Ersten Weltkrieg gefeiert. Da zählten sie zu den Top-Teams im Saar-Gebiet. In diese Zeit fielen diverse Meisterschaften der regionalen Liga, der Gewinn des süddeutschen Pokals (1921) und die süddeutsche Vizemeisterschaft (1922). Ab 1933 gehörte die Borussia der Gauliga Südwest (ab 1939 in der Saar-Pfalz-Gruppe) an. In der Zeit von 1941 bis 1944 war die Westmarkliga die Heimat der Borussen.
Nach dem Krieg hießen die Borussen nur noch VfB und spielten zunächst in der Oberliga Südwest. Aufgrund des besonderen Status des Saar-Gebiets musste der Klub 1948 diese Liga verlassen und spielte in einer eigenen Saar-Liga unter französischer Flagge. Obwohl die Saarländer dort sofort Meister wurden, durften sie nicht in die Ligue 1 aufsteigen. 1950 folgte noch eine Vizemeisterschaft und ein Jahr später musste der Verein diese Liga sogar verlassen. Grund war die Einführung des Vertragsspielertums in Neunkirchen. Die Mannschaft hielt sich in dieser Saison durch das Austragen internationaler Freundschaftsspiele fit. 1951 war der Spuk endgültig vorbei. Die Saar-Vereine wurden wieder in das deutsche Liga-System eingegliedert und am 26. Juli 1951 bekam der Verein dann auch seinen Namen wieder zurück.
Ab Ende der 50er Jahre konnte Borussia in der Oberliga Südwest Erfolge feiern. Eine Meisterschaft (1962), vier Vizemeisterschaften und ein dritter Platz standen zu Buche. Bei den Endrundenspielen zur deutschen Meisterschaft war für das Team aber entweder in der Vorrunde oder schon in der Qualifikation Schluss. Erfolg hatte man dafür auf anderer Ebene. 1959 erreichte die Borussia das Finale des DFB-Pokals. In Kassel unterlag man dem ETB Schwarz-Weiß Essen mit 2:5.
Die Einführung der Bundesliga geriet für Verein und Fans zur harten Prüfung: Die Borussia war nicht dabei, als im Sommer 1963 die neue Eliteklasse den Spielbetrieb aufnahm. Sportlich sicherlich eine fragwürdige Entscheidung. Manfred Weber, Borussia-Ehrenmitglied und für den Verein in vielen Funktionen unterwegs, hatte sofort den wahrhaft Schuldigen ausgemacht. „Der Neuberger hat's uns versaut“, brachte er die Dinge auf den Punkt. Neuberger, der spätere DFB-Präsident, hatte dafür gesorgt, dass sein 1. FC Saarbrücken im Südwesten für die Bundesliga gesetzt worden war. Somit war nur noch ein Platz frei. Ihn bekam der 1. FC Kaiserslautern, Südwest-Meister 1963. Die Borussia, damals Zweiter, scheiterte und war erstmals seit 1912 zweitklassig.
Hilfe von Tasmania 1900
Die erste Saison der neuen Regionalliga Südwest 1963/64 beendeten die Saarländer als Meister und qualifizierten sich damit für die Teilnahme an der Bundesliga-Aufstiegsrunde. Top-Favorit Bayern München, Tasmania 1900 und der FC St. Pauli waren die Gegner. Einer schwachen Hinserie (1:5 zum Auftakt in Berlin!) ließen die Borussen eine großartige Rückrunde folgen – mit drei Siegen aus drei Spielen: 2:0 beim FC Bayern, 1:0 bei St. Pauli und 1:0 (vor 38.000 Fans in Saarbrücken bei Feuerofenhitze!) zum Abschluss gegen Tasmania: Das bedeutete den Aufstieg in die Bundesliga. Der große FC Bayern blieb außen vor. Vor allem deshalb, weil er gegen Tasmania (Hinspiel in München 1:1) nicht gewinnen konnte und am vorletzten Spieltag im Poststadion 0:3 unterging.
Auch in ihrer ersten Bundesliga-Spielzeit überraschten die Saarländer positiv. Das Ellenfeld war nahezu uneinnehmbar und die Borussia landete im Endklassement auf Platz 10. Nun kam, was kommen musste: Viele Spieler gingen und konnten nicht gleichwertig ersetzt werden. In der zweiten Saison war es dann mit dem Mythos „Ellenfeld“ vorbei. Die Borussia stieg ab. Begleitet wurden die Saarländer vom bis heute schlechtesten Tabellenletzten aller Bundesligazeiten – Tasmania 1900.
Triumph vor 70.000 bei Hertha
Nur ein Jahr (und eine Meisterschaft in der Regionalliga Südwest) später war die Borussia wieder da. Auch dieses Mal währte die Freude nur eine Saison. Mit der Rückkehr in die Bundesliga war Borussia Neunkirchen der erste Verein, der den Wiederaufstieg geschafft hatte. In der Aufstiegsrunde 1967 gewannen die Saarländer u.a. bei Hertha BSC vor 70.000 Zuschauern im Olympiastadion 2:1.
Der erste Fernsehbeweis
1978 war es dann wieder so weit: Nach Jahren im Amateurlager ließ Borussia Neunkirchen in den Aufstiegsrundenspielen TuS Neuendorf und Mainz 05 hinter sich und stieg in die 2. Liga Süd auf. Das Abenteuer dauerte jedoch nur eine Saison. Die aber hatte es in sich. Am 21. Oktober 1978 erzielte Jürgen Kobel im Spiel gegen die Stuttgarter Kickers ein Phantom-Tor. Der Schiedsrichter gab das Tor, das keines war. Die Kickers protestierten, und das Gericht gab ihnen Recht: kein Tor. Die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters wurde aufgehoben. Das Spiel musste wiederholt werden.
Doch die Borussia kam nicht zur Ruhe. Eine Woche nach der Urteilsverkündung spielte der 1. FC Saarbrücken im Ellenfeld. Dort entwickelte sich ein hitziges Derby, Zuschauerausschreitungen inklusive. Am Ende gewann die Borussia, konnte sich aber trotzdem nicht freuen. Nach einem Hundebiss musste ein Saarbrücker Spieler vorzeitig ausscheiden. Der 1. FCS legte Protest ein. Und auch dieses Spiel musste wiederholt werden.
Vater und Sohn Kuntz
Denkt man an Bundesliga und Borussia Neunkirchen, fallen einem unweigerlich die Namen Willi Ertz und Horst Kirsch ein. Die beiden Torleute stehen für den Erfolg der Borussia in dieser Zeit. Ertz ist heute noch im Trainer-Stab der Oberliga-Mannschaft tätig. Darüber hinaus spielten Peter Czernotzky, Günter und sein Sohn Stefan Kuntz, „Jupp“ Henkes, Horst Berg, Wolfgang Gayer (später Hertha BSC), Heinz Simmet und Gerd Zewe in Neunkirchen. Bekannte Borussen-Trainer waren u.a. Horst Buhtz, Adi Preißler und Zeljko Cajkovski.
Rettung durch Pokalspiel
Seitdem die Borussia aus dem bezahlten Fußball verschwunden ist, spielte sie, unterbrochen von kurzfristigen, meist desaströsen Regionalliga-Aufenthalten, in der Oberliga Südwest. Im Januar 2003 musste der Verein Insolvenz anmelden. Harte Arbeit und die Einnahmen aus dem DFB-Pokalspiel gegen Bayern München führten dazu, dass der Verein 2004 entschuldet war. 2005 wurde man Meister der Oberliga, verzichtete aber aus finanziellen Gründen auf die Regionalliga. In der Saison 2009/10 nimmt man in Neunkirchen wieder einmal Anlauf in eine hoffentlich bessere sportliche Zukunft.
Internet:www.borussia-neunkirchen.de
Die größten Erfolge von Borussia Neunkirchen
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1921
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Süddeutscher Pokalsieger
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1921-1924
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Meister der Rheinhessen-Saar-Liga (höchste Spielklasse)
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1929
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Meister Saar-Pfalz-Liga (höchste Spielklasse)
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1933-1944
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Gauliga
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1945-1948, 1951-1963
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Oberliga Südwest
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1948-1950
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Ehrendivision Saar (unter französischer Hoheit)
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1959-1963
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Teilnahme an der Endrunde zur deutschen Meisterschaft
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1959
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DFB-Pokalfinalist (2:5 gegen Schwarz-Weiß Essen)
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1962
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Meister Oberliga Südwest
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1963/64, 1966/67, 1968–1974
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Regionalliga Südwest
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1964, 1967, 1971, 1972, 1974
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Meister Regionalliga Südwest und Teilnehmer an der Bundesliga-Aufstiegsrunde
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1964–1966, 1967/68
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Bundesliga
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1974/75, 1978/79, 1980/81
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2. Bundesliga Süd
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1976–1978, 1980, 1991
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Teilnehmer an der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga
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1980, 1991
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Meister Amateur-Oberliga-Südwest (3. Liga)
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1994/95
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Regionalliga West/Südwest
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2002/03
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Regionalliga Süd
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Quelle: Winfried Weber/Berliner Fußballwoche




