Borussenfans schwarz-weiß

„Helden der Borussia“ – Projekt des Krebsberggymnasiums

„Helden der Borussia

Projekt des Gymnasiums am Krebsberg behandelt die Bundesligajahre von Borussia Neunkirchen

NEUNKIRCHEN – Nur ungefähr 450 Zuschauer fanden durchschnittlich den Weg zu den Spielen der Neunkircher Borussia in der zurückliegenden Oberligasaison. In der Saison 1964/65, die von der Borussia auf dem 10. Tabellenplatz der Bundesliga beendet wurde, sahen sich im Schnitt 27000 Fans die Heimspiele an. Diese glorreiche Vergangenheit ist der jüngeren Generation meist nicht mehr bekannt, obwohl sie Borussia Neunkirchen zur Legende unter den Alteingesessenen machte. Um sich die zahlreichen Bundesligaerfolge des Vereins, der zu unserer Stadt gehört, wie die Neunkircher Hütte, bewusst zu machen, beschäftigten sich einige Schüler des Gymnasiums am Krebsberg im Rahmen des Projekts »Oral History: Bundesligaalltag in Neunkirchen« mit den erfolgreichsten Jahren der Vereinsgeschichte. Zu diesem Zweck interviewten sie Fans und Spieler, welche begeistert von ihrer Leidenschaft berichteten.

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Gegründet am 24.07.1905, erzielte der Verein schon vor dem Ersten Weltkrieg Erfolge, um sich von 1919 bis 1963 fest in der obersten deutschen Spielklasse zu etablieren. Mit der Gründung der Fußballbundesliga im Jahr 1963 erfolgte ein Bruch, weil der 1. FC Saarbrücken an den sportlich qualifizierten Neunkirchern vorbei zum Gründungsmitglied der neuen obersten Spielklasse gemacht wurde. In der folgenden Saison gelang der Borussia aus Neunkirchen durch Siege gegen Tasmania Berlin, FC St. Pauli und FC Bayern München der Aufstieg – bei gleichzeitigem Abstieg des 1. FC Saarbrücken. Doch nur die Saison 1964/65 wurde für die kleinste Bundesligastadt zum Erfolg; schon die zweite Saison endete mit dem Abstieg. Die befragten Fans führten den Misserfolg darauf zurück, dass wichtige Spieler zu anderen Bundesligaclubs wechselten und nicht für adäquaten Ersatz gesorgt werden konnte.

Die anwesenden Fans erlebten die Bundesligazeit sehr intensiv. So berichtete Joachim Weber (66, Vorstandmitglied seit 34 Jahren): »Aus jedem Haus fuhren dann die Kinder mit ihren Vätern zu den Spielen und das war praktisch eine Pflicht für jedes Heimspiel, nein, keine Pflicht, eher eine reine Freude für jede Familie.« Mit sechs Jahren besuchte Joachim Weber zum ersten Mal ein Spiel der Borussia und erinnert sich noch genau an den 3:2 Sieg gegen Kaiserslautern, damals amtierender deutscher Meister.

„Borussia war wie eine Familie“

Fast alle der anwesenden Fans besuchten von klein auf die Spiele der Borussia und wurden häufig von Fans in Familie oder Freundeskreis animiert. Oder, wie es Heylmann Luther (73, ehemaliger Amateurspieler)  ausdrückt: »Borussia war wie eine Familie.« Luther spielte von klein auf in Mannschaften Borussia Neunkirchens und war in der großen Zeit des Vereins bei jedem Heimspiel und vielen Auswärtsspielen zu Gast. Er stimmt Joachim Weber zu, der sagt, dass bei Heimspielen immer Stimmung war, dass »ein Heimspiel ein gesellschaftliches Ereignis« war. Ähnlich Ludwig Glück (73, Fan seit 1947), der berichtet: »Die Stimmung war wie auf dem Stadtfest.« Dazu trug auch das Essen bei; viele Fans schwärmen noch immer von »Worschd unn Bier« der damaligen Zeit. Die gewaltige Resonanz der Bevölkerung erklärt Joachim Weber auch damit, dass »Fußball das Hobby von ¾ aller Jugendlichen« war. Die jungen Fans finanzierten die Eintrittskarten meistens mit ihrem Taschengeld, denn ermäßigt DM 3,50 waren erschwinglich.

„Wenn Borussia mich braucht, bin ich da“

Das Fandasein damals unterschied sich essentiell von dem heutiger Erfolgsfans. Man identifizierte sich mit seinem Verein, egal, wie die Mannschaft spielte, meint Helmut Ferrang, welcher als treuer Fan seit 1958 bekannt ist. Noch immer gilt für ihn: »Wenn die Borussia mich braucht, bin ich da.« Der Wunsch von Heylmann Luther ist, dass sich die Fans heutzutage genauso benehmen, wie früher, diszipliniert und friedlich. Auch Helmuth Ferrang erzählt: »Randale wie heute gab es nicht – aber ein paar Wilde gab es immer schon mal.«

Oft kannten die Fans Spieler persönlich. Gerhard Alsfasser berichtet zum Beispiel, dass sein Vater öfter Spieler nach Hause zum Essen einlud und er eine gute Beziehung zu den Spielern hatte. Mehreren Zeitzeugen zufolge veränderte sich nicht nur die Mentalität der Fans,  sondern auch die der Spieler. Bei minus 18 Grad im Winter, erzählt Ferrang, spielten die Borussen in kurzen Hosen. Bei extrem hohem Schnee wurde die Spielfläche einfach platt gewalzt. Heylmann Luther ergänzt: »Früher haben wir unsere Fußballschuhe selber genagelt.« Paul Georg (ehemaliger Amateurspieler) hob hervor, dass der Fußball früher »härter aber fairer« gewesen sei. Seiner Meinung nach führte die finanzielle Situation zum Absturz Neunkirchens.

Zu den eindrucksvollsten Spielen unserer Interviewpartner gehört der 3:1-Triumph über den HSV am 12.09.1964, dem vierten Spieltag in der ersten Bundesligasaison der Borussen. 33000 Zuschauer überfüllten damals das nur für 30000 Zuschauer vorgesehene Stadion Ellenfeld. Vor noch größeren Kulissen fanden die Spiele statt, die 1964 zum Aufstieg in die Bundesliga führten. Ausgetragen im Saarbrücker Ludwigspark kamen jeweils über 40000 Fans zu den Spielen gegen Bayern München (0:1) und Tasmania Berlin (1:0). Der anschließende Autokorso über die Grülingstraße und die folgende Aufstiegsfeier im Ellenfeld sind für Herrn Alsfasser Highlights seiner Jugend.

Für uns war die zentrale Botschaft der Zeitzeugen, dass die leidenschaftliche Begeisterung für ihren Club die Jahre des  Misserfolgs überdauert hat. Die interviewten Fans halten ihrem Verein die Treue und besuchen weiterhin die Spiele.“

Katrin Kolassa

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