Gerd Zewe

Gerd Zewe: „Borussia wird immer in meinem Herzen sein“

Vier Jahre spielte Gerd Zewe für Borussia Neunkirchen, bevor danach eine überaus erfolgreiche Profi-Laufbahn anbrach. Im Interview spricht der heute 61-Jährige über seine Karriere, seine Zeit bei der Borussia und darüber, warum er noch heute so sehr an diesem Traditionsverein hängt.


1. Herr Zewe, zunächst die Frage: Wie geht es Ihnen?

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Zewe: (lacht) Ja mir geht es soweit ganz gut, alles ist in Ordnung!

2. Sie leben in Nordrhein-Westfalen und feierten letztes Jahr ihren sechzigsten Geburtstag. Womit halten sie sich fit?

Zewe: Die Knochen halten noch, auch weil ich viel Sport treibe: ich fahre Rennrad, spiele Golf und auch immer noch Fußball.

 3. Im Jahre 1950 wurden sie im saarländischen Stennweiler geboren. Ein besonders aus fußballerischer Sicht interessanter Zeitsprung ist der in die Jahre 1968/69, als Ihnen der Klassensprung zur Borussia aus Neunkirchen gelang. Ein besonderer Moment Ihrer Karriere?

Zewe: Borussia Neunkirchen ist nach Fortuna Düsseldorf sowieso der Verein, an dem mir am meisten liegt. Ich hänge emotional noch immer sehr an diesem Traditionsklub und verfolge ihn deshalb auch weiterhin. Von 1968/69 an habe ich noch ein Jahr Amateur-Oberliga gespielt, bevor ich dann von 1969-1972 Vertragsspieler der Regionalliga-Südwest Mannschaft war.
In drei aufeinanderfolgenden Jahren wurden wir Südwestmeister, was gleichzeitig die Berechtigung mit sich brachte, durch Qualifikationsspiele in die Bundesliga zu kommen.

 

„Ich hänge emotional sehr an Borussia Neunkirchen“

 

4. Können Sie die Vorgeschichte ihrer Verpflichtung bei der Borussia erläutern?

Zewe: Ich habe ja erst relativ spät Saarlandauswahl-Berufungen in die Jugendmannschaften erhalten. Walter Paulus, ein ehemaliger Trainer, hat mich mit auf ein Turnier nach Hamburg genommen, wo ich anscheinend auch einigermaßen gut gespielt habe. Daraufhin kam Borussia Neunkirchen zu mir und fragte mich, ob ich nicht wechseln wolle. So bin ich dann also ungefähr gegen Ende der A-Jugend in Verbindung mit der Saarlandauswahl zu Borussia Neunkirchen gewechselt.

5Es war damals (wie heute) sicherlich etwas ganz Außergewöhnliches, bei solch einem Traditionsverein zu spielen. Sicherlich auch vor dem Hintergrund einer großen Fangemeinde?

Zewe: Ja, genau deshalb verfolge ich die Borussia auch heute noch.
Wir waren damals wirklich sehr erfolgreich gewesen und dreimal hintereinander Regionalliga-Meister. Die Meisterschaft war somit natürlich unheimlich schön, aber auch die Aufstiegsspiele habe ich als sehr emotional in Erinnerung.Diese Spiele fanden ebenfalls  vor unheimlich vielen Zuschauern statt. Bei einem Spiel, welches wir zuhause gegen Nürnberg mit 1:0 gewinnen konnten, passte ins Ellenfeld keine Maus mehr rein. Wenn normalerweise 30.000 Zuschauer reingehen, waren an diesem Nachmittag ungefähr 40.000 Menschen da. Der Zusammenhalt in der Mannschaft war enorm, wir waren eine verschworene Gemeinschaft und die Zeit war für mich einfach unheimlich schön!

6. Würden Sie sagen, dass der damalige Trainer Kurt Sommerlatt einer Ihrer größten Förderer war und Ihnen den Weg ins Profigeschäft geebnet hat?

Zewe: Kurt Sommerlatt hatte ich zwei Jahre als Trainer, im Anschluss folgte Alfred Preißler, der mich 1971/72 trainierte. Letzterer war auch Trainer, als ich 1972 nach Düsseldorf gewechselt bin. Sommerlatt und Preißler waren nicht nur begabte Trainer, sondern auch außergewöhnliche Menschen.

7. Nachdem Sie insgesamt 3 Jahre für die Borussia aktiv gewesen waren,  nahmen Sie 1972/73 das Angebot von Fortuna Düsseldorf an. Fiel der Abschied aus der Hüttenstadt damals schwer?

Zewe: Auf jeden Fall ! Ich bin sowieso unheimlich heimatverbunden, nicht zuletzt, weil meine Geschwister noch alle im Saarland wohnen, teilweise sogar  im Elternhaus. Meine Familie im Saarland hat und bedeutet mir immer noch sehr sehr viel. Deshalb war es für mich auch äußerst schwer, aus solch einem kleinen Nest nach Düsseldorf zu wechseln. In diesen 4 Jahren hatte ich immerhin bei einem Verein gespielt, der meinem Elternhaus nahe gelegen war. In Neunkirchen hatten also ideale Bedingungen geherrscht, in Düsseldorf musste ich erstmals auf eigenen Beinen stehen. Dadurch, dass ich bei der Fortuna relativ schnell Fuß fassen konnte, konnte sich aber auch das relativieren.

8. Es folgte eine beachtliche Karriere mit 440 Erstliga-Partien und 42 Treffern. Auch in der Nationalelf waren Sie aktiv. ReibenSsie sich heute manchmal noch die Augen?

Zewe: Klar, die 15 Jahre bei der Fortuna, zusammen mit den vielen Erfolgen, sind eine unheimlich schöne Zeit gewesen. Im Nachhinein war das Wichtigste, dass ich relativ gesunden geblieben – und ohne schwerwiegende Verletzungen ausgekommen bin. Wenn man mit allen Stationen gesehen, länger als 15 Jahre gespielt hat, dann ist die Beanspruchung nun mal sehr groß. Auch jetzt, im fortgeschrittenen Alter, ist es sehr wichtig, dass meine Knochen gehalten haben. Auf der anderen Seite waren es nicht nur die 440 Bundesligaspiele: Für Fortuna habe ich (Freundschafts- und Pokalspiele mit eingerechnet) über 900 Spiele bestritten.

9. Unglaubliche 15 Jahre spielten Sie für Ihre Fortuna. Verglichen mit der heutigen Zeit ist das äußerst ungewöhnlich.

Zewe: Ja, wobei ich zwischendurch auch die Möglichkeit hatte, zum HSV zu wechseln, wo damals Günther Netzer der Manager war. Ich weine dieser Geschichte auch nicht hinterher, denn es bleiben eben 15 Jahre definitiv 1. Bundesliga und wenn man die vier Jahre Borussia Neunkirchen hinzunimmt, dann war ich fast 20 Jahre im bezahlten Fußball aktiv.

10. Würden Sie ihre Karriere insgesamt als Bilderbuchkarriere bezeichnen oder fehlt Ihnen irgendetwas (z.B ein Titel), wonach Sie sich heute noch sehnen ?

Zewe: Was heißt Bilderbuchkarriere? Ich bin zufrieden, mit dem, was da abgelaufen ist. Im Schnitt bestritt ich 30 Bundesligaspiele in 15 Jahren und das pro Saison ! Das Highlight waren sicherlich die zwei Pokalsiege mit der Fortuna innerhalb von drei Jahren. Für mich zwei ganz wichtige Titel, die herausragend waren. Was mich allerdings ärgert, war die 3:4 Niederlage 1979 in Basel beim Europapokalendspiel der Pokalsieger gegen den FC Barcelona.

11. Im kommenden Jahr wird das Ellenfeldstadion 100 Jahre alt. Wie haben Sie dieses legendäre und altehrwürdige Stadion in Erinnerung?

Zewe: Erst zuletzt habe ich mit Interesse den Artikel über die Borussia im KICKER gelesen. Wenn ich zu Hause bin, ist es eine Gewohnheit von mir, dass ich immer am Ellenfeldstadion vorbeifahre und mir dieses noch mal anschaue. Die Einfahrt vorne von den Parkplätzen her und der Eingang, im Grunde haben sich kaum verändert. Wenn die Tür offen steht, gehe ich jedes Mal ins Stadion und sehe mir alles wieder an. Von seinen Strukturen her, ist es noch genauso wie damals, als ich darin spielen durfte.

 

„Immer wenn ich im Saarland bin, fahre ich auch am Ellenfeld vorbei“

 

12. Zuletzt wurden erhebliche bauliche Mängel an der Tribüne festgestellt. Würden Sie sich für eine Renovierung dieser Kultstätte aussprechen?

Zewe: Hoffentlich ist jemand in der Lage, das Stadion bald auf den neuesten Stand zu bringen. Es wäre wünschenswert, wen es eine Initiative von der Stadt geben würde, das Stadion auf den entsprechenden Stand zu bringen.

13. Haben Sie in den letzten Jahren das sportliche Geschehen rund um die Borussia verfolgt?                                                                                                                        

Zewe: Ja immer, klar! Der Verein liegt mir nach wie vor unheimlich am Herzen, eben weil ich wunderbare vier Jahre hier verbracht habe.

 14. Mit Paul Linz als Trainer und klangvollen Namen wie Catalin Racanel will Borussia Neunkirchen innerhalb von 2 Jahren wieder in die Regionalliga aufsteigen. Ist es Ihrer Meinung nach möglich den „schlafenden Riesen“ wieder erwachen zu lassen?

Zewe: Natürlich ist das immer möglich. Den Leuten, die das in die Hand nehmen, kann man nur wünschen, dass ihre Arbeit auch Früchte trägt.
Denn wenn solch ein Verein aufsteigt, können schnell Zuschauer rekrutiert werden. Die  Leute warten doch nur darauf, dass Borussia Neunkirchen schnell wieder in die Regionalliga kommt.

15. Wie schwierig ist dieses Projekt für einen Verein wie Neunkirchen in der heutigen Zeit, wo Geld eine solch große Rolle spielt?

Zewe: Natürlich müssen sich jetzt erst einmal Leute zusammenfinden, die das Ganze in die Hand nehmen und die versuchen, die damit verbundenen Schwierigkeiten auf ordentliche Weise zu lösen. Nicht, dass man jetzt nur Starspieler nimmt, die schon über ihren Horizont sind. Man muss einfach eine Struktur reinbringen. Vielleicht auch mit entsprechend jungen, talentierten Spielern, um vor allen Dingen eine Gemeinschaft zu bilden. So hätte man einen sportlichen Unterbau, um langfristig Erfolge garantieren zu können. An dieser Stelle gehört selbstverständlich Geld dazu, damit man den Verein wieder auf gesunde Beine stellt.

16. Besuchen Sie gelegentlich noch Ihren Geburtsort und können so eventuell in absehbarer Zeit noch mal ein Spiel im Ellenfeldstadion verfolgen?

Zewe: Wenn sich ein Spiel mit meinen Besuchen im Saarland überschneidet, sehr gerne! Ich war bereits auf der wunderbaren 100-Jahr Feier, wo man die vielen Weggefährten wieder getroffen hat. Es war damals wirklich eine wunderschöne Veranstaltung!

17. Haben sie heute noch Kontakt zu Borussenmitgliedern?

Zewe: Nein, direkt nicht. Nur mit Günther Kuntz und Stefan Kuntz, mit denen ich in Abständen im Kontakt stehe. Mit Stefan Kuntz habe ich ja gemeinsam noch Lotto-Totto Auswahl im Süddeutschen Raum gespielt.

Direkte Kontakte gibt es aber nicht.

18. War und ist die Borussia für immer in Ihrem Herzen?

Zewe: Auf jeden Fall, auf jeden Fall !

 

Dieser Verein hat es wirklich verdient“

 

Ihnen gehören die letzten Worte…

Zewe: Ich verfolge die Situation nun schon über die ganzen Jahre hinweg und ich hoffe, dass sich Leute finden werden, die Borussia Neunkirchen noch mal zu alter Blüte führen. Dieser Verein hätte es wirklich verdient, unter gesunden Umständen wieder in die Regionalliga oder sogar 3. Bundesliga zu kommen! Natürlich gehört auch viel Herz dazu, damit man sich mit dem Verein langfristig identifiziert und ihn so in alte Sphären zurückführt.

 

Vielen Dank für das interessante Interview und weiterhin alles Gute und vor allem viel Gesundheit! Bis bald in Neunkirchen!

 

Das Interview führte Till Hust.

 

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle W.H., der das Interview ermöglicht hat!

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