Günter Kuntz Borussia

Borussia in der „Süddeutschen Zeitung“

Am Wochenende brachte die Süddeutsche Zeitung ein schönes Stück über Borussia Neunkirchen. „Zwischen Eisenwerk und Tanzcafé“ – so hat SZ-Reporter Ralf Wiegand die Geschichte überschrieben, für die er zwei Tage in Neunkirchen recherchierte.

Wiegand bekam von Vereinsarchivar Jens Kelm die Stadt gezeigt, er traf sich mit den Bundesliga-Legenden Willi Ertz und Günter Kuntz. Im Saarbrücker Landesarchiv warf er einen Blick in Archivalien aus dem Vereinsarchiv von Borussia Neunkirchen, ehe ihn Stadionsprecher Dirk Honecker im Taxi zum Bahnhof chauffierte. Das Ergebnis ist an diesem Wochenende deutschlandweit in der SZ aus München nachzulesen. Hier ein paar Auszüge aus dem lesenswerten Artikel:

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Zwischen Eisenwerk undTanzcafé

In der Erinnerung sind die Bundesliga-Jahre von Borussia Neunkirchen die schönsten der Stadtgeschichte. Doch die Lasten der früheren Erfolge drücken den Verein heute zu Boden. (…)

Und samstags kamen die Fußballfans hier an und stiegen in die Straßenbahn, die dann voll besetzt zum Ellenfeld-Stadion schnaufte, gleich hinter dem großen Turm der Schlossbrauerei.Heute steht die Uhr an der verwaschenen Fassade des Bahnhofs auf zwölf, auch nachmittags kurz vor halb drei. Seit vier Jahren bewegen sich die Zeiger nicht mehr, niemand weiß, warum, niemand fühlt sich verpflichtet, das zu ändern. Und das einzige Klo auf dem Bahnhof der zweitgrößten Stadt des Saarlandes ist auch schon ewig gesperrt. Der Bahnhof ist ein Symbol geworden für das Vergängliche, für Gewesenes, wovon es in Neunkirchen so viel gibt. Das alte Kino in der Stadt, geschlossen. Die Straßenbahngleise, abgerissen. Die Kohlegruben, die Eisenhütte, Geschichte. Das Restaurant Olympia, rappelvoll an Spieltagen der Borussia, gibt es nicht mehr. In dem gelb getünchten Haus gegenüber vom Stadion sind jetzt Eigentumswohnungen. Die Wirtin von früher wohnt auch in so einer Wohnung, „es war so schön alles“, sagt sie, „zu schön“. (…)

Das Lokal, in dem die Borussia gegründet wurde, beherbergt heute einen namenlosen Asia Imbiss. Die Brauerei neben dem Ellenfeld-Stadion ist längst abgewickelt, ein Industriedenkmal bestenfalls. Das Stadion, das sich den Parkplatz mit einem Supermarkt teilt, es zerfällt wie ein altes, vergilbtes Foto. Betonstehlen lösen sich auf, Eisengitter rosten, Stufen senken und heben sich, wie sie wollen. Aber wenn man das Bild genau anschaut, sieht man noch die goldene Zeit hindurchschimmern. (…)

Siege, stand damals sogar in Berliner Zeitungen, feierten die Neunkircher bisweilen „wie ein Volksfest, mit Marschmusik und Blumensträußen und einer schwarz-weißen Bergziege, die der Zoo als Maskottchen geschenkt hatte“. (…)

Auch in der fünften Liga kommt kein Spieler nur deshalb hierher, weil die Borussia einen großen Namen hat und einen medizinischen Behandlungsraum mit angeschlossener Sauna. Jens Kelm war mal Mannschaftsarzt hier, er kann sich ärgern, dass Spieler so etwas nicht schätzen: „Die gehen lieber für fünf Euro mehr woanders hin.“ Und auch der Nachwuchstrainer sagt, die wenigsten der Jugendlichen wissen, was für ein großer Klub das mal war. (…) Neunkirchen ist es ergangen wie vielen Traditionsvereinen aus dem Bauch des Fußballs. Als der noch regional organisiert war, waren sie alle groß. Dann erfand der Fußball sich neu, immer und immer wieder. (…)

Die Leute, denen die Borussia am Herzen liegt, sind voller Stolz und Scham zugleich. Stolz, ein Stück Fußballgeschichte geschrieben zu haben. Und Scham darüber, wie wenig sie gepflegt wird. Vor dem Stadion steht eine Figur aus Eisen, das Eisenwerk hat sie in den 50er Jahren gestiftet. Früher stand sie stolz direkt vor dem Stadion, dann fuhr ein Lastwagen dagegen. Ein Arm brach ab. Man stellte die Statue repariert ein paar Meter daneben wieder auf. Dann wurde die Fläche für einen Parkplatz benötigt. Jetzt lungert der namenlose Kicker auf einer Art Brachwiese in der Stadionperipherie herum. Man wünscht der Stadt eine Idee, wie sie dem Verein auf die Beine helfen könnte, der sie so bekannt gemacht hat. Bis heute. Vielleicht sollten sie einfach mit der Bahnhofsuhr beginnen, es wäre mal ein Anfang.

Dann ist die Reise in die Vergangenheit zu Ende, fast wenigstens. Von Gleis zwei des Hauptbahnhofs fährt die Regionalbahn nach Homburg ab. Homburg. War auch mal Bundesliga.“

VON RALF WIEGAND

 

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